Es war ein ganz normaler Tag. Die Hunde maulten nach ihrem Fresserle,
der Kaffee lief über. Nichts Überragendes, nichts Weltbewegendes. Nur
etwas war anders... nur ein Gefühl, wahrscheinlich nichts Schlimmes,
wahrscheinlich das Wetter.
Meine Mutter dachte sich nichts dabei, sie ging zur Arbeit. Wieder viel
Stress im Büro, Leute, die ihre Kompetenzen unter- oder überschreiten-
was will man auch anderes erwarten, so ist die Welt und wer hat sie
nicht manchmal satt. Ein Gedanke kam ihr immer wieder in den Sinn, er
hatte sich in der letzten Zeit von ihren Zweifeln und Unzufriedenheiten
genährt, still in eine Ecke verzogen und gegrinst. Was wird das denn
hier alles? sagte er ganz nüchtern und verzog seine Miene, als würde
sein Lächeln ihm den Kopf abtrennen.
Was will man einem dazu schon erzählen, dachte meine Mutter, was wird das hier schon alles. Arbeit, sag ich, Arbeit.
Nach einem schier endlosen Tag, drei Latte Macchiatos und keiner Lust zu gar nichts ging es nach Hause. Die Hunde bellten in freudiger Erwartung und mit einigen Hintergedanken. Was wird das denn hier alles? Wenn ich das wüsste, Lissy. Erstmal spazieren gehen und ein wenig Musik machen. Das entspannt die Seele und keiner kann einem etwas dabei versauen, nur man selbst vielleicht und das gehört halt dazu. Musik ist eine wunderbare Sache, sie trägt und erfüllt, ganz ohne das Konzept eines Raums und von Körpern. Musik ist einfach da, aber nicht sichtbar, hörbar nur, wenn man sie verstehen will. Hat man eine Stimmung, so kann man sie sich selbst erlebbar machen. Das tat meine Mutter, ran ans Keyboard, Synthesizer angekurbelt, Computer auf Empfang und los.
Wellen von Tönen zum Einspielen, ein wenig Geklimpere und der grinsende Gedanke sagt wieder hallo. Wie gehts? Laß uns mal musizieren... und was dabei langsam zutage tritt ist eine sanfte Idee einer Musik, ein Thema, was Sehnsucht trägt. Ein bißchen kann man darin schon jetzt schwelgen und meine Mutter spielt. Die Hunde hören zu und lauschen, lassen sich treiben, ein wenig berauscht von den Zusätzen im Hundefutter und glücklich, daß Frauchen wieder da ist. Ein Besucher stört die akkustische Szenerie. Es kratzt ein wenig, Mutter wird aufmerksam. Die Hunde merken auf und wundern sich, denn das Geräusch ist beachtlich, dafür, dass der Täter unsichtbar ist.
Wuff.
Wuff! und ein Köpfchen schaut um die Ecke. Es ist ein Mäuschen, ein kleines pelziges Mäuschen. Hallo, denkt meine Mutter, nachdem sie den Hundeblicken folgt und den Besucher erblickt. Was wird das denn, was machst Du denn hier? Es entsteht vor ihren Augen eine epische Westernszene. Die Hunde schieben etwas ihre Jacke beiseite und fixieren die Maus. Diese ihrerseits achtet nicht auf die umherfliegenden Steppenhexen, lockert ihre Hände und starrt den Hunden eiskalt ins Gesicht. Stille... das Keyboard schweigt. Ungeachtet der morriconischen Folgerichtigkeit jedoch legt sich die Spannung und die Hunde legen ihre Köpfe ab und betrachten den Gast gelangweilt. Ach du bist´s, alles klar. Mit einer Augenbraue hochgezogen legen sich auch die Nackenhaare meiner Mutter und sich wundernd beginnt sie weiterzuspielen. Die Maus zieht sich zurück und lauscht ein wenig. Nach einer Weile gehen alle schlafen, ein weiterer Tag bricht morgen an und die Musik des grinsenden Gedankens schläft auch bis dahin mit.
In dieser Manier, mit der Maus als geduldetem Gast, gehen einige Tage ins Land. Das Musikprojekt, es reift derweil. Ein Freund hat sich mittlerweile angeboten ein paar Beats mitbeizusteuern, das klingt vielversprechend. Abends versammelt sich die Hörerschaft meiner Mutter im Musizierzimmer und steuert ihre Aufmerksamkeit dem guten Gelingen bei. Auf Arbeit läuft alles immer auf die gleiche Weise schief, das liegt daran, daß es immer derselbe Grund ist, Unvernunft, naja, was soll das werden. Immer das Gleiche. Oder doch nicht?
Man könnte sich auch überlegen, der Maus einen Namen zu geben, immerhin ist sie schon ein treuer Hörer geworden, und treue Hörer brauchen Namen, sonst kann man ihnen die Autogramme nicht widmen. Kim wäre eine schöne Variante, kurz und bündig. Kim schaut gerade wieder um die Ecke als meine Mutter den Entschluß fasst, Kim zu taufen, wenn sie davon absähe ihre Wohnung mit ihren Mäusezähnchen zu verschandeln, denn die letzten Tage haben ihre Spuren hinterlassen. Langsam und unmerklich hat der Gast die Zeit am Tage genutzt sich die Laufarbeit zu ersparen, indem er kleine Löcher in die Möbel fraß. Die Hunde ihrerseits fanden das wohl in Ordnung, denn gelangweilt schauten sie jeden Abend der Maus in ihr pelziges Gesicht und ließen sie gewähren.
Das ist ja alles nicht so witzig, Kim. Meine Mutter braucht ihre Möbel. Ein geordnetes Leben, auch mit Musik, braucht Möbel, das ist bei Menschen so.
Ungeachtet dieser Wahrheit jedoch arbeitet sich Kim die folgenden Tage weiter vor und treibt ihre Leidenschaft zur Musik soweit, ein Audiosystem für sich zu bauen, das sie tief in das Gemäuer des Hauses meiner Mutter treibt. Ein Architekt scheint an ihr verlorengegangen zu sein, Statik ist normalerweise nicht das Metier von Mäusen.
Meiner Mutter wird die Situation, nicht zu unrecht, etwas mulmig. Eine Maus also... den Hunden ist sie egal... obwohl sie normalerweise jede Maus auf dem Feld aufstöbern und vernichten. Meine Gutmütigkeit ist spektakulär, aber ich glaube sie muß gehen. Unterwandern lasse ich mich nicht... Gleich morgen hol ich Fallen, auch wenn es mir leid tut. Sie kann ja auch freiwillig gehen. Sprachs und ging etwas besorgt zu Bett.
Das Leben ist eine merkwürdige Instanz... wenn man sich darüber wundert, wird einfach nichts besser. Man hört ab diesem Zeitpunkt einfach nicht mehr damit auf und das ist der Anfang jeder Philosophie. Das Thaumazo, das Wundern und Staunen eines kleinen Kindes mit weit geöffneter Kinnlade... und eine Maus tappt in dieses Leben. Es ist eine harte Ironie, daß man nie weiss, was andere sehen, nicht sehen kann, was Hunde denken... so tappt man im Dunkeln und nur eine Maus kann Tunnel graben nach dem Licht.
Am nächsten Morgen, wie man sich´s gedacht, weckt meine Mutter eine Maus. Ein kleiner Schritt nur für sie, doch ein zu großer für die Geduld meiner Mutter. Von unten grub sie sich nach oben in deren Schlafgemächer und auch hier: die Hunde gleichgültig. Was zu viel ist ist zuviel und nach getaner Arbeit liegen eine beachtliche Zahl Fallen in der Wohnung, auch im Schlafzimmer. Das Leben spielt so wie es spielt und auch meine Mutter, sie macht Musik. Es soll ein Requiem werden. Was soll das hier werden? Die Frage tut weh, denn die Maus muss sterben. Das Thema ist dasselbe wie vor ein paar Wochen, ein leichtes Grinsen und die Sehnsucht, sie vermischen sich zu einer Melodie, die Beats untermalen die Sanftmut des Gedankens und Mensch und Tier verschmelzen mit ihren Ohren. Eine Weile nur, dann ist wieder Stille. Eine Maus knabbert an der Kommode. Ein Requiem.
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